Das große Welttheater – oder: Warum Politiker und KI sich erschreckend ähnlich sind

Das große Welttheater

oder: Warum Politiker und KI sich erschreckend ähnlich sind

Neulich fragte ich eine KI, was sie von der aktuellen Weltlage hält. Die Antwort war ausgewogen, beruhigend und völlig folgenlos — genau wie eine Pressekonferenz. Ich war beeindruckt. Nicht von der Antwort, sondern von der Ähnlichkeit.

Denn je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird es: Künstliche Intelligenz und moderne Politiker teilen ein erstaunliches Grundprinzip. Beide wurden von einer kleinen, handverlesenen Gruppe trainiert. Beide wiederholen auf Nachfrage dieselben Inhalte in leicht veränderten Worten. Und bei beiden fragt man sich gelegentlich, ob da tatsächlich jemand denkt — oder ob nur sehr überzeugend so getan wird.

Nehmen wir das Thema "klare Aussagen". Eine KI antwortet auf die Frage nach einer konkreten Empfehlung gerne so: "Es gibt verschiedene Perspektiven zu berücksichtigen, und je nach Kontext könnte man argumentieren..." Ein Politiker auf dieselbe Frage: "Wir nehmen das sehr ernst und werden alle relevanten Faktoren sorgfältig abwägen." Ich habe minutenlang überlegt, welches Zitat von wem stammt. Ich bin mir noch immer nicht sicher.

Halluzinationen — ein bekanntes Phänomen

Dann wäre da die berühmte Eigenschaft der KI, gelegentlich Dinge zu erfinden, die schlicht nicht wahr sind — in der Fachsprache höflich als "Halluzinationen" bezeichnet. Klingt poetisch. Fast entschuldigend. Als würde man sagen: "Der Computer hat kurz geträumt."

Aber Moment — kenne ich das nicht von irgendwo? "Wir werden keine Steuern erhöhen." "Das Wirtschaftswachstum ist gesichert." "Die Lage ist unter Kontrolle." Halluzinationen, sage ich. Schöne, selbstbewusste, gut frisierte Halluzinationen — gehalten vor Kameras und Mikrofonen, die das Signal in Millionen von Wohnzimmer tragen. Keine KI der Welt hat bisher eine Halluzination vor so großem Publikum gehabt. Hier hinkt der Vergleich dann doch etwas.

Was mich zu einem weiteren Gemeinsamkeit bringt: der selbstsichere Ton. Sowohl eine gut trainierte KI als auch ein geübter Politiker klingen immer so, als wüssten sie genau, was sie sagen. Das ist, wenn man es nüchtern betrachtet, eigentlich das Beunruhigendste. Denn die Welt ist kompliziert. Sehr kompliziert. Wer in einer komplizierten Welt immer eine klare, ruhige Antwort parat hat, lügt — oder hat die Frage nicht wirklich verstanden.

Die ernstere Seite des Theaters

Jetzt könnte man lachen und weiterscrollen. Aber ich möchte kurz innehalten — denn hinter diesem etwas schiefen Vergleich steckt eine echte Frage, die mich beschäftigt.

Wir leben in einer Zeit, in der Vertrauen ein rares Gut geworden ist. Vertrauen in Institutionen, in Medien, in politische Systeme — es bröckelt, überall, nicht nur in einem Land oder auf einem Kontinent. Gleichzeitig holen wir uns unsere Orientierung zunehmend aus Quellen, deren Zuverlässigkeit wir kaum überprüfen können: aus Social-Media-Feeds, die uns zeigen, was wir eh schon denken, aus KI-Systemen, die selbstbewusst antworten, auch wenn sie es besser nicht sollten, und aus Politikern, die in einer Welt der 15-Sekunden-Clips gelernt haben, dass Haltung wichtiger ist als Inhalt.

Das Ergebnis: Wir folgen gerne denen, die laut und sicher klingen. Dabei ist Lautstärke kein Argument. Und Selbstsicherheit kein Beweis.

Ich habe neulich gelesen, dass ein bekannter Politiker — ich spare mir den Namen, er ist austauschbar — eine komplexe außenpolitische Krise mit drei Sätzen "gelöst" hat. Zumindest auf Twitter. Die Realität hat das Tweet nicht gelesen und sich entsprechend wenig beeindruckt gezeigt. Aber die Likes waren beeindruckend. Fast so beeindruckend wie die Zuversicht, mit der manche KI-Systeme Reiserouten durch Städte empfehlen, die sie noch nie gesehen haben.

Was wäre, wenn wir es andersherum versuchten?

Manchmal denke ich: Was wäre, wenn wir von unseren Politikern das verlangten, was wir von einer guten KI verlangen sollten? Nämlich: Gib zu, wenn du etwas nicht weißt. Zeig deine Quellen. Erkläre deinen Denkweg. Sag, wenn du dir unsicher bist.

Und gleichzeitig — was wäre, wenn wir von KI-Systemen das verlangten, was wir eigentlich von guten Politikern wollten? Echte Verantwortung. Konsequenzen für Fehler. Die Fähigkeit, auch unbequeme Wahrheiten klar auszusprechen, ohne es in acht Schachtelsätze zu verpacken.

Vielleicht ist das der eigentliche Witz an der ganzen Sache. Wir haben eine Technologie erschaffen, die uns in vielerlei Hinsicht an jene erinnert, denen wir das Steuer unserer Gesellschaften anvertraut haben. Und jetzt stehen wir da, im großen Welttheater, schauen auf die Bühne — und wissen nicht mehr so genau, wer das Drehbuch schreibt.

Ich tippe das gerade auf einem Computer, dessen Betriebssystem ich nicht verstehe, um es in einem Blog zu veröffentlichen, dessen Algorithmus ich nicht kenne, wo es vielleicht von jemandem gelesen wird, der mir glaubt — oder auch nicht. Irgendwie passt das ins Bild.

In diesem Sinne: Denkt selbst. Auch wenn es manchmal anstrengend ist.
(c) Franz Doppler, 2026

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