„Gemeinsam statt einsam“
Von Zaunhocken, geliehenem Zucker und dem Comeback der echten Nachbarschaft
Wann haben Sie das letzte Mal bei Ihrem Nachbarn
geklingelt, weil Ihnen schlicht und einfach ein Teelöffel Zucker gefehlt hat?
Oder stehen Sie neuerdings eher im Supermarkt an der Kasse und überlegen, ob
die App für den digitalen Kassenbon jetzt eigentlich mit Ihrem Toaster
synchronisiert ist – während Sie den Menschen vor Ihnen seit zehn Minuten stumm
am Hinterkopf mustern?
Gefühlt leben wir in einer Zeit, in der wir auf dem
Smartphone mit ganz Timbuktu in Echtzeit vernetzt sind, aber manchmal dezent
ins Stolpern geraten, wenn uns im Treppenhaus der Nachbar aus dem Erdgeschoss
begegnet. Man nickt sich höflich zu. Dieses klassische, deutsche
Treppenhaus-Nicken – international vermutlich als hocheffiziente
Kurzkommunikation anerkannt. Mund fest geschlossen, die Augenbrauen kurz nach
oben gezogen, weitergehen. Kollision vermieden, Energie gespart, Privatsphäre
gewahrt. Perfekt optimiert – und irgendwie auch ein kleines bisschen schade.
Das digitale Dorf und die reale Einöde
Dabei ist es doch herrlich paradox: Wir diskutieren im
Netz über die großen Themen der Welt, liken Beiträge von Menschen am anderen
Ende des Planeten und wissen dank Social Media ziemlich genau, wer in
Australien gerade welchen Smoothie trinkt. Aber wissen wir auch, ob die nette
Seniorin von gegenüber heute vielleicht jemanden bräuchte, der ihr kurz die
schwere Einkaufstüte in den ersten Stock trägt? Wir kennen die Timeline unserer
Kontakte oft besser als das Treppenhaus, in dem wir seit zehn Jahren wohnen.
Früher gab es das alles quasi gratis dazu. Da wusste
man noch, wann der Nachbar Geburtstag hatte – meistens, weil morgens um sieben
pünktlich der Rasenmäher ansprang – und dass man sich auf den Handwerker von
nebenan verlassen konnte, wenn der eigene Schlüssel mal wieder im Schloss
abgebrochen war. Heute haben wir für alles eine App. Es gibt
Nachbarschaftsportale, digitale Schwarze Bretter und Plattformen für gefühlt
jede Lebenslage. Das ist Fluch und Segen zugleich. Man ist vernetzt – und
bleibt sich doch oft ganz wunderbar fremd hinter geschlossenen Jalousien.
Die leise Sehnsucht nach dem analogen Netz
Doch wenn man genauer hinschaut, passiert gerade etwas
Spannendes in unserem Land. Neben all den großen Krisen, den Dauernachrichten
im Fernsehen und dem digitalen Rauschen wächst eine leise, fast charmante
Gegenbewegung. Eine Sehnsucht nach dem analogen Netz, das schlicht und einfach
keinen WLAN-Empfang braucht, um zu funktionieren – nur ein offenes Ohr und
manchmal einen freien Nachmittag.
Plötzlich sprießen wieder kleine Initiativen aus dem
Boden. Da werden Lastenräder im Hinterhof geteilt, Gartengeräte reihum
ausgeliehen, Garagenflohmärkte organisiert, bei denen man ganz nebenbei
feststellt, dass der grämliche Herr Müller aus dem Hinterhaus früher mal eine
beeindruckende Plattensammlung besessen hat – und plötzlich zwanzig Minuten
lang von seiner Zeit als Jazzclub-Türsteher erzählt. Niemand setzt sich dafür
auf ein Podest und ruft mit dem Megaphon: „Ihr müsst jetzt alle geselliger und
sozialer werden!“ Das wäre vermutlich auch der sicherste Weg, um sofort
flächendeckend alle Rollläden runtergehen zu lassen. Wir Deutschen mögen es
schließlich nicht sonderlich, wenn man uns sagt, wie wir zu leben haben.
Nein, das Ganze passiert durch die charmante
Hintertür. Man merkt einfach: So ein bisschen echtes Miteinander ist verdammt
praktisch. Und vor allem tut es gut. Es erdet uns in einer Welt, die sich
manchmal dreht, als hätte jemand den Vorspulknopf gedrückt und vergessen, ihn
wieder loszulassen.
Kleine Gesten, große Wirkung
Man muss dafür auch gar nicht gleich einen Verein
gründen oder einen Nachbarschaftstag mit Luftballons und Bratwurstbuden
organisieren – so schön das wäre. Es reicht oft schon, den alten Fernseher, das
gebrauchte Fahrrad oder den funktionstüchtigen Laptop, der zuhause nur noch
Staub ansetzt, nicht gleich zum Sperrmüll zu tragen, sondern zu fragen, ob
nicht irgendjemand in der Nähe genau danach sucht. Manchmal ist es die kleine
Spende, das ungenutzte Gerät, das für den einen Staub im Keller ist und für den
anderen ein kleiner Neuanfang. Aus solchen unscheinbaren Gesten entstehen
erstaunlich oft die schönsten Geschichten – und ganz nebenbei ein bisschen mehr
Zusammenhalt, ohne dass irgendjemand groß darüber reden musste.
Der Zaun als Design-Element
Vielleicht müssen wir die Welt gar nicht an einem
Nachmittag retten. Manchmal reicht es schon, die Augen auf der eigenen Fußmatte
nicht zu verschließen, den Rasenmäher des anderen am Sonntagmittag mit einem
Augenzwinkern zu ertragen und sich daran zu erinnern, dass die beste Firewall
gegen Einsamkeit immer noch ein kurzer Plausch am Gartenzaun ist.
Der Zaun muss ja nicht gleich weg – ein kleiner Spalt
zum Durchgucken reicht völlig. Vielleicht ist genau das die Kunst: nicht die
große Geste, sondern das kleine, beiläufige „Na, alles gut bei Ihnen?“, das man
auch mal ernst meint und nicht nur als akustische Untermalung zum Vorbeigehen
benutzt.
Wie ist das bei Ihnen? Wann haben Sie das letzte Mal
mit jemandem aus Ihrer Nachbarschaft gelacht, ohne dass es um die
Mülltonnenordnung oder die Nebenkostenabrechnung ging? Schreiben Sie es mir
gerne in die Kommentare – ich freue mich auf Ihre Gedanken!

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